AZ-Serie: Mein neuer Alltag: "Trösten ist schwer in dieser Zeit"

Michael Bauer, Protokoll: Annette Baronikians,  24.04.2020 - 08:11 Uhr 

 

"Er durchlebt eine für ihn häufig sehr bedrückende Zeit: Der Theologe und Seelsorger Michael Bauer begleitet als Trauerredner Menschen beim Abschiednehmen – doch in Corona-Zeiten sind würdevolle, einfühlsame Trauerfeiern nur sehr eingeschränkt möglich."

 

Er durchlebt eine für ihn häufig sehr bedrückende Zeit: Der Theologe und Seelsorger Michael Bauer begleitet als Trauerredner Menschen beim Abschiednehmen – doch in Corona-Zeiten sind würdevolle, einfühlsame Trauerfeiern nur sehr eingeschränkt möglich. Foto: privat

Der Theologe und freier Redner Michael Bauer erzählt in der AZ, wie sehr die Corona-Krise sein Leben verändert hat – vor allem, wie besonders traurig Bestattungen in der Krisenzeit sind.

Vor der Corona-Krise war ich als Theologe, Redner und Seelsorger nahezu täglich unterwegs zu Trauerbesuchen, um intensive Gespräche für die anstehenden Bestattungen und Trauerfeiern zu führen. Jetzt fallen fast alle Beerdigungsfeierlichkeiten aus. Die Aussegnungshallen sind ja auch geschlossen.

Wenn Bestattungen überhaupt stattfinden, werden die Verstorbenen nur im engsten Familienkreis beigesetzt. Viele Urnenbestattungen werden auf unbestimmte Zeit verschoben, weil sich die Hinterbliebenen eine Trauerfeier mit mehr Trauergästen und Möglichkeiten der persönlichen, einfühlsamen Gestaltung wünschen. Derzeit müssen die Angehörigen neben der eigentlichen Trauer, die ohnehin schwer zu bewältigen ist, auch noch die schmerzliche Wahl treffen, wer an der Beerdigung überhaupt teilnehmen darf.

Beerdigungen: Begrenzung auf zehn Personen

So fallen wegen der aktuellen Begrenzung auf bis zu zehn Personen beispielsweise oft die Enkelkinder weg. Das bringt zusätzliches Leid, und das empfinde auch ich als sehr schmerzlich – zumal die Beisetzungen nun auch teils ohne Ansprache stattfinden, ohne ausgesprochene Würdigung und Wertschätzung des vergangenen Lebens des Verstorbenen.

Es ist für mich befremdlich, tragisch und auch traurig, einen Verstorbenen so schnell zu bestatten, und die Spuren, die durch eine solche Bestattung hinterlassen werden, können sehr tief sein. Die sorgsam ausgearbeitete Rede und Ansprache durch uns Redner beinhaltet ja alles Erlebte, ja, die ganze Lebensbiografie und all das, was den Verstorbenen ausgemacht hat: eine wahre Wertschätzung an den Verstorbenen.

So können Angehörige auch eine ganz normale Trauerbewältigung zulassen und durchleben: die letzte Würde mitgeben. Für so viele Menschen ist es wichtig, eine Bestattung mit angemessener Trauerrede erleben zu dürfen und dadurch auch Zuspruch und Trost zu erhalten. Ich hoffe sehr, dass möglichst schnell wieder Normalität einkehrt, um Trauernde in der Verabschiedung richtig auffangen und begleiten zu können. Trösten fällt in der Zeit der Corona-Krise schwer.

Auch bei Trauungen hat sich viel verändert

Als freier Redner bin ich sonst auch für Trau-Zeremonien unterwegs und bereite mit den Brautpaaren die anstehenden schönen Trauungen vor. Doch auch hier hat sich viel verändert.

Als Hochzeitsredner habe ich leider und auch verständlicherweise derzeit wenig zu tun: Viele Brautpaare entscheiden sich um, wollen momentan lieber nicht heiraten. Viele warten mit ihrer Trauung auf eine Zeit, in der es wieder ungezwungener und freier zugehen kann. Alles hat sich in eine Art Stillstand verändert. Ich nutze die Zeit jetzt, um viel zu lesen, und ich denke viel über sehr tiefgreifende Fragen und Sichtweisen nach.

Auch bin ich viel draußen in der Natur, laufe und fotografiere und versuche, alles sehr intensiv und bewusst zu erleben. Natürlich hoffe ich jeden Tag, dass die Corona-Zeit möglichst bald zu  Ende ist.

 



Interview mit der freien Journalistin Annette Baronikians 
Münchner Abendzeitung vom 24. April 2020

 

 

 

 

 

 

 

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